Fortsetzungsroman «Der Drache im Vogelnest»:
Tannens verpatzte Ankunft im Reich der Mitte
12. Aug 2008 18:04, ergänzt 13. Aug 2008 16:52
 |  Drachen, eine Elster und das 'Vogelnest' | Grafik: Norbert Spitzer |
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Einmal aus nächster Nähe mitfiebern, den Schweiß der Athleten riechen - so hatte Tannen sich seine Reise vorgestellt, nicht ahnend, dass Peking ganz andere Disziplinen für ihn bereithalten sollte. Lesen Sie hier den Fortsetzungsroman von
Alexander Broicher.
So hatte Tannen sich das nicht vorgestellt. Niemand hatte ihm gesagt, dass Peking im August so warm wie eine Tropeninsel sein würde. Und erst diese unerträgliche Schwüle. Auch wenn er offiziell im Urlaub war - mit Hitze konnte er nichts anfangen. Aber es war schlichtweg seine Schuld, denn er hatte es bewusst vermieden, sich vorab zu informieren. Er hatte sich «treiben lassen», «einfach mal entspannen», wie es ihm sein Arzt nach der kleinen Herzattacke vor fünf Monaten geraten hatte.
 |  Er wollte Sportler sehen | Foto: AP |
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Kurz gesagt: Tannen war hier, weil er sich endlich einen alten Traum erfüllt hatte: Sporturlaub. Was nicht hieß, dass Tannen sich bewegen wollte. Er wollte nur zusehen. Einmal Olympia live erleben. Er hatte gehofft, dass er den Schweiß der Athleten riechen könnte. Einmal ihren vor Freude verzerrten Gesichter ganz nah sein - so hatte er es sich zumindest ausgemalt. Aber das sollte nicht die letzte Sache bleiben, die er sich anders vorgestellt hatte ...
Des Drachens neue Kleider
Dank der reizenden Stewardessen, die ihn angesichts seiner Flugangst so rührend umsorgt hatten, hatte er sich im Flieger wie ein Hahn im Korb gefühlt – nach rund zehn Stunden Flug allerdings auch ein wenig wie ein Gefrierhähnchen. In Peking würde er noch öfter die Erfahrung machen, dass die Chinesen der Ansicht waren, übertrieben klimatisierte Räume oder Shopping Center wären Ausdruck für Reichtum und Fortschritt. Aber genau darauf stand man hier offensichtlich: den neuen Wohlstand zur Schau zu stellen. Es gab ein unglaubliches Nachholbedürfnis, nicht nur in Sachen Verschwendung. Auf dem nagelneuen Flughafen glänzte der Stahl und blendete Tannen mit seinem Pomp. Moderne Tempel des Fortschritts sehen wohl so aus. Und ein wenig beeindruckte das riesige Terminal, das aussah wie ein großer liegender Drache, chinesisches Symbol für Macht und Stärke, Tannen tatsächlich. Dabei war er schon von Berufs wegen ein Zweifler. Euphorie und schnelle Begeisterung für Dinge, die es unverhohlen darauf anlegten, Eindruck zu schinden, waren normalerweise nicht seine Sache.
Aber das hier war anders. So symbolträchtig, ornamental und doch kühl und technisch. Berührungsängste hatte man hier offensichtlich nicht. Das Gestern und das Morgen existierten gleichzeitig und ergänzten sich, Yin und Yang. Tannen nahm sich vor, weniger nachzudenken. Noch so ein Reflex, alles verstehen und in Worte fassen zu wollen.
Sehnen nach heimatlicher Bergluft
Alles hier sah nach Geld aus, nach massig Geld. War das der neue, pragmatische Sozialismus? Man wollte sich herausputzen, zeigen, was man hat. Besonders, wenn die Welt zu Gast ist. Maskenspiele hatten hier immerhin Tradition, und so hatten nicht nur die Markenpiraten schnell gelernt, dass beim Etikettenschwindel Verpackung und Marketing das wichtigste sind, dachte Tannen. Auch er hatte sich von einem Schnäppchen verführen lassen. Am Flughafen hatte er eine sensationell günstige, «echte» Rolex erstanden, obwohl er sich eigentlich als ein Freund von Schweizer Wertarbeit sah. In diesem Moment sehnte er sich nach einer erfrischenden Brise der heimatlichen Bergluft.
 |  Überall in Peking zu haben: Masken | Foto: AP |
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Aber schließlich war er hier, um sich zu entspannen und nicht, um zu nörgeln. Das notorische Misstrauen, diese Berufsdeformation gegen die es keine Kur auf Kassenschein gab, einmal abzulegen. Glücklicherweise war er weit weg von Zuhause und er hoffte, Abstand zu allem zu bekommen. Zu diesem Zeitpunkt hatte er noch nicht die leiseste Ahnung, worauf er sich eingelassen hatte. Seine kleine Welt war nichts im Vergleich mit diesem Riesenchaos namens Peking.
Ankunft süß-sauer
Tannen ermahnte sich noch einmal nachdrücklich, den Schalter im Kopf wieder auf „Urlaub“ umzulegen, dann stieg er in ein Taxi und reichte dem Fahrer einen Zettel mit chinesischen Schriftzeichen. Das Auto setzte sich in Bewegung, und da war sie wieder: die gute alte Realität, fernab von designten Repräsentationsbauten. Sie fuhren über achtspurige Schnellstraßen, vorbei an hässlichen Industrievierteln und unzähligen Wohnsilos, riesigen Hochhäuser, die alle gleich aussahen und Tannen an Hühnerbatterien erinnerten. Tannen kurbelte das Fenster herunter. Er wollte das neue Land riechen und es symbolisch begrüßen, indem er einen tiefen Luftzug inhalierte. Doch was er da einatmete, brannte in seinen Lungen und ein Hustenanfall schüttelte ihn. Schnell drehte er das Fenster wieder hoch.
 |  So sah es also in Peking aus | Foto: dpa |
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Sein Fahrer begann, auf Chinesisch heftig zu schimpfen. Zumindest klang es für Tannen danach. Tannen versuchte, etwas auf Englisch zu antworten, aber der Fahrer verstand offensichtlich kein Wort. Wild gestikulierend zeigte der Fahrer auf ein Ensemble von Schornsteinen, die orangen Rauch in den Himmel spuckten. Es wäre wohl überflüssig gewesen zu fragen, um was es sich bei diesen Abgasen handelte, und Tannen wollte es auch gar nicht wissen. Dreißig Minuten später, der Fahrer schaute Tannen noch immer fassungslos nach, betrat er die Hotelhalle. Um nicht noch mehr Ärger zu machen, hatte Tannen die geforderten 300 Yuan anstandslos bezahlt, viel zu viel, wie er später erfahren sollte.
Eine dringende Nachricht
Es verging eine Zeit, die er in Gedanken gewesen sein musste. Die junge Frau an der Rezeption wiederholte ruhig ihre Frage nach seinem Namen und strahlte ihn auf eine Weise an, wie er es noch nie erlebt hatte. Das Schild an ihrem Revers bezeichnete sie als «Mrs. Wong». Dann soll sie auch meinen Namen wissen, dachte Tannen und überreichte Frau Wong wortlos seinen Pass. Gerade fragte er sich, was es wohl mit der chinesischen Freundlichkeit wohl auf sich habe und stellte sich Frau Wong neben dem Taxifahrer vor, als ihn die Rezeptionistin abermals zurück in die Realität holte. Mit den Worten: «Mister Jobst Tannen? Eine dringende Nachricht für Sie» überreichte sie ihm ernst einen Zettel. Tannen blickte auf chinesische Schriftzeichen. Wer in China konnte bereits wissen, dass ich hier bin, fragte sich Tannen, der schlagartig wieder so klar war wie nach einer kalten Dusche.
ENDE TEIL 1
Lesen Sie in Teil 2, wie es weitergeht: Tannen erfährt, dass seine Eintrittskarten für die Wettkämpfe spurlos verschwunden sind. Offiziell aber sind alle Veranstaltungen ausverkauft.
Doch Tanner erhält unverhofft ein mysteriöses Angebot, bei dem Frau Wong eine undurchsichtige Rolle spielt. Schafft er es, über dunkle Kanäle doch noch an Tickets zu gelangen oder hat er den ganzen Weg nach China umsonst gemacht?
Alexander Broicher, Jahrgang 1973, lebt als Schriftsteller und Drehbuchautor in Berlin. Demnächst erscheint sein neuer Roman im Handel. «Der Drache im Vogelnest» ist eine Exklusivarbeit für die Netzeitung und die Berliner Zeitung Online.