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Doping bei Olympia: 

Erster sein

22. Aug 2008 12:49
Wer nach der Spritze greift, will Erster werden
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«Die populärste Antwort auf die Frage, wie dem Doping im Leistungssport wohl beizukommen sei, ist so dumm wie naheliegend.» Ein Kommentar von «Berliner Zeitungs»-Redakteur Christian Bommarius.

Es bedarf keiner Anabolika, Stimulanzien, Narkotika, keines Epo und keiner Beta-Blocker, um einen Wettkampf zum Betrug, und die Olympischen Spiele zur Farce zu machen. Der Superstar der Antike war Kaiser Nero. Bei den 211. Olympischen Spielen im Jahr 67 n.Chr. siegte der Imperator - wie verabredet - in sechs Disziplinen, darunter auch im Wagenrennen, obwohl Nero mit seinem Zehnspänner gestürzt und aus dem Wagen geschleudert worden war.

Die moralische Überlegenheit Neros im Vergleich mit athletischen Betrügern unserer Tage liegt auf der Hand: Er hat weder das Publikum noch seine Konkurrenten über seine sportliche Leistungsfähigkeit getäuscht. Ablauf und Ausgang des Wettkampfs waren ihm egal, solange er am Ende den Lorbeer in Empfang nehmen konnte. Niemand hat besser als der Römer das Prinzip verinnerlicht, das heute die Welt der «Fabelrekorde», der «Leistungsexplosionen» und der «Rekordsieger» beherrscht.

Es geht nur darum, Erster zu sein

Es geht nicht darum, höher, weiter oder schneller als die Konkurrenz zu springen oder zu laufen, es geht nur darum, am Ende der Erste zu sein. Die sportliche Überlegenheit, der erfolgreiche Leistungsvergleich, der gewonnene Wettkampf ist nicht das Ziel, sondern ein lästiger Umweg zum «Lorbeer», den selbst ein Nero hinter sich bringen musste. Sofern die Gegenwart gegenüber der Antike für sich einen Fortschritt reklamieren kann, besteht er in der immer weiter steigenden Profitabilität des Betrugs.

Im Übrigen lässt sich von Fortschritt kaum reden. Fast ohne Zynismus ist der «Olympiasieger» inzwischen als ein Betrüger zu definieren, der bisher nur deshalb noch nicht aufgeflogen ist, weil er über das beste Chemie-Labor verfügt. Disziplinen wie das Reiten sind von diesem Verdacht selbstverständlich ausgenommen - jedenfalls galt das bis gestern, als bei vier von 15 getesteten Pferden verbotene Substanzen festgestellt wurden. Zumindest dass auch ein deutsches Pferd darunter sein würde, hatte niemand erwartet. Denn der letzte Doping-Skandal bei den deutschen Reitern lag schon so lange zurück, dass man ihn fast vergessen hatte - vier Jahre. Es war bei den Olympischen Spielen in Athen.

Dumm und naheliegend

Die populärste Antwort auf die Frage, wie dem Doping im Leistungssport wohl beizukommen sei, ist so dumm wie naheliegend. Eine Freigabe der Substanzen, heißt es, würde die Chancengleichheit unter den Athleten wiederherstellen und damit den Sieg der wirklich Besten garantieren. Der Gedanke ist so zwingend wie die Forderung, den Steuerbetrug zu legalisieren, weil er schon längst ein «Volkssport» sei.

Im einen wie im anderen Fall wären die Folgen verheerend. Die Entkriminalisierung der Steuerhinterziehung hätte den sofortigen Staatsbankrott zur Folge, im Übrigen die berechtigte Verbitterung des ehrlichen Steuerzahlers, durch eigene Schuld der Dumme zu sein. Die Konsequenzen legalisierten Dopings wären nicht viel weniger gravierend. Nicht nur würde sich ein aufgehobenes Verbot zwar unausgesprochen, aber unwiderstehlich als Gebot auswirken, als Leistungssportler seinen Körper um jeden Preis mit Chemikalien vollzupumpen.

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Auch die Nachwuchsförderung im Sport fände sich vor eine neue Aufgabe gestellt. Um die Jugendlichen zu Spitzensportlern zu formen, müsste sie schon die Zwölf-, Dreizehn- oder Vierzehnjährigen daran gewöhnen, ihre Körper als Anabolika-Tresore zu betrachten.

Weder die Freigabe noch schärfere Gesetze werden Doping im Leistungssport beenden. Die Aufmerksamkeit, die das Publikum - nur - dem Sieger zollt, das Renommee und das Geld, das den Gewinner erwartet, sind zu verführerisch, um auf sie wegen möglicher Sanktionen zu verzichten. Die einzige Chance, den Leistungssport davor zu bewahren, als chemikalische Leistungsschau zu enden, liegt nicht in der Aufdeckung möglichst vieler Skandale, sondern in der Skandalisierung jeder Aufdeckung.

Würden alle Doping-Sünder entdeckt und verurteilt, wäre das das Ende des Leistungssports und der Autorität des Doping-Verbots. Es gilt die Erkenntnis des Soziologen Heinrich Popitz: «Wenn auch der Nachbar zur Rechten und zur Linken bestraft wird, verliert die Strafe ihr moralisches Gewicht. Auch die Strafe kann sich verbrauchen.»

Die Kunst, nicht erwischt zu werden, nützt also nicht nur dem Delinquenten, nicht weniger dient sie dem Zusammenhalt der Gesellschaft. Finden wir uns also damit ab, dass nicht jeder Doping-Sünder bekommt, was er verdient, sondern unredlich zwar, aber prächtig verdient.

[Dieses Autorenstück übernahm die Netzeitung mit freundlicher Genehmigung der «Berliner Zeitung».]

 
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