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Fußball EM 2008 Kolumne

Was Fußball ist und was das Fernsehen zeigt: 

Glosse: Die schönen Fußballbilder!

30. Jun 2008 10:27
Es kommt auf die Perspektive an: TV-Kamera im EM-Stadion
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Hier geht es nicht um eine Verschwörungstheorie. Martin Krauß hat in seiner letzten EM-Glosse nicht vor, geistig Amok zu laufen und etwa zu behaupten, der Europameister heiße in Wirklichkeit Deutschland oder McDonald’s. Er hat ja nur Bilder gesehen.

Die ganze Welt hat gesehen, dass Spanien Europameister wurde. Alle wurden Zeuge, wie Fernando Torres erst Philipp Lahm verlud und dann Jens Lehmann überwand. Also können alle, darunter auch 26 Millionen Deutsche, mitreden bei der Frage, ob es ein Torwartfehler war, ein Stellungsfehler der Innenverteidigung, ob sich Lahm zum Gegenspieler falsch verhalten, oder ob Lahm lahm war.

Kritik der Bilder

Fachdiskussionen werden auf der Grundlage der Bilder geführt, die wir gesehen haben. Dass diese Bilder während der EM schon einer heftigen Kritik ausgesetzt waren, ist weitgehend vergessen. Das Schweizer Fernsehen beispielsweise hatte sich beschwert, dass es unseriöser Journalismus ist, wenn die Weltregie keine Bilder von Leuchtkörpern, randalierenden Fans oder über den Platz rennenden Flitzern zeigt. Die Regisseure, die solche Entscheidungen treffen, werden von der Firma bezahlt, die der Uefa gehört und die die Bilder auswählt. (Dass im deutschen Fernsehen beim Spiel Deutschland-Türkei einmal ein Blitzer zu sehen war, lag daran, dass zu diesem Zeitpunkt das ZDF Bilder des Schweizer Fernsehen übernahm, das mit mehr eigenen Kameras vor Ort war. Hätte die Uefa-Fernsehtochter nicht einen Bildausfall produziert, hätten wir das wahrscheinlich nicht gesehen.)

Zensurvorwurf

Das aus simplen Propagandazwecken vollzogene Aussortieren ungewollter Bilder kann man Zensur nennen. Anstalten wie die Öffentlich-Rechtlichen in Deutschland mögen dieses Wort nicht. Sie verweisen darauf, dass sie ja schließlich stets mit eigenen Kameras vor Ort sind. «Das heißt», erklärt NDR-Programmdirektor Volker Herres, «wir sind nicht ausschließlich auf die Bilder angewiesen, die uns geliefert werden. Bei uns verpassen die Zuschauer daher nichts.»

Redlicherweise hätte man den Satz noch ein bisschen verlängern sollen: Die Zuschauer verpassen nichts (oder kaum etwas) von dem, was man bei den Öffentlich-Rechtlichen wichtig findet und wo die Öffentlich-Rechtlichen gerade eine Kamera aufgebaut haben. Doch diese Redlichkeit wäre immer noch nur eine beschränkte, sozusagen eine öffentlich-rechtliche Redlichkeit.

Fernsehen bildet keinen Fußball ab

Wahr ist, dass die Grundlage für alle Diskussionen über das EM-Finale, nämlich die Fernsehbilder, nicht das EM-Finale gezeigt haben. Was wir sahen, war die Inszenierung eines Fußballspiels mit dem Bildmaterial eines Fußballspiels. Wir sahen das, was aus 28 Kameraeinstellungen zusammengeschnitten wurde. Wir sahen vor einem Eckball den ruhenden Ball und nicht wie sich die Mannschaften vor dem Tor positionieren. Wir sahen, ob aus dem Winkel der gerade gewählten Kamera es nach Abseits aussah oder nicht. Wir sahen, ob aus der gewählten Perspektive eher Silva oder eher Podolski zum Kopfstoß ausholten.

«Das Bild, das die Welt sich dieser Tage vom Fußball macht, basiert genau genommen auf Montageentscheidungen», schreibt der Filmexperte Simon Rothöhler. Doch er ist klug genug, um nicht ins Lamento zu verfallen, die Bildregie sei schlecht, die Auswahl tendenziös und früher sei alles besser gewesen.

Etwas, wie man dann immer sagt: Authentisches könnte vielleicht so halbwegs bei der Übertragung von etwas ästhetisch kaum Anspruchsvollem wie einer Bundestagsdebatte gelingen. Ist es aber so komplex wie ein Fußballspiel, geht das definitiv nicht. «Die Weltbild-Regie kann aber nicht reinen Experten-Interessen folgen, indem sie beispielsweise das Verhalten der Viererkette beim Angriff des eigenen Teams zeigt, sondern muss nach einer objektiveren Auflösung des Spiels suchen.»

Und niemand ist Schuld

Was der Fußballexperte also an den Fernsehbildern bemängelt, dass dauernd Angela Merkel oder Sarah Brandner gezeigt wird, erwartet ein anderer Fernsehkonsument von diesem Spiel, äh: eben nicht vom Spiel, sondern von der Inszenierung des Spiels im Fernsehen. Was also herauskommt, wenn man Kameras im Fußballstadion aufbaut und sich die Bilder zu Hause anschaut, ist nie und nimmer das Abbild eines Fußballspiels, über das am nächsten Morgen diskutiert wird. Das liegt nicht an Zensur, nicht an populistischer Bildführung, nicht an der Unfähigkeit der Regisseure und übrigens schon gar nicht an Béla Réthy. Es liegt am Medium Fernsehen.



 
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