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«Ich glaub doch nicht an 'Spuren im Sand'!»

14. Dez 2007 08:43
Einmal wollten mir 800 Seemänner die Haare abschneiden
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Im Disco-Tingelgeschäft habe er das Handwerk gelernt, sagt Howard Carpendale. Im letzten Teil des Interviews erfährt Sophie Albers wie seine Texte entstehen, und warum Herbert Grönemeyer keine Chance bei DSDS hätte.

27 Herr Carpendale, was ist schlechter Applaus?

Höflichkeitsapplaus. Applaus, der einfach nirgendwo hingeht. Da ist ein Geräusch, und das stirbt dann aus. Das spürt man auf der Bühne.

28 Und guter?

Der zeugt von Respekt. Das habe ich in Köln gespürt, beim letzten Konzert. Da war es nicht mehr dieses grölende, laute Publikum. Das war ein Publikum, das sehr genau zuhörte und sehr respektvoll war. Jetzt fragen Sie sicher, wie klingt respektvoller Applaus: Die Leute klatschen, aber das mit viel mehr Tiefe und viel mehr Länge als sonst. Das ist eine andere Art von Applaus als bei Begeisterung.

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Wenn das Publikum sehr begeistert ist, kann man den Applaus auch in die Länge ziehen, da reicht manchmal eine Bewegung. Das können die amerikanischen Künstler besser als alle anderen. Ich habe mal Paul Anka dabei zugeschaut. Das ist die Macht, durch ein Armausstrecken den Applaus zu verändern, zu verlängern oder auch anzuhalten. Es ist etwas, das ein Entertainer verstehen muss, ein Rocksänger nicht. Der hat eine ganz andere Herangehensweise. Aber wer ist in Deutschland schon Entertainer? Am ehesten noch Udo Jürgens, aber sonst? Diese alte Schule stirbt aus, nicht nur hier. Das finde ich schade.

29 Robbie Williams hat doch auch mal versucht, daran anzuknüpfen.

Der ist einer der Größten überhaupt!

30 Der Trick ist doch, dass Dean Martin oder Williams absolute Nähe vorgaukeln, so als säße man mit ihnen im Pub, und sie erzählen schlechte Witze. Doch gleichzeitig ist da diese unüberwindliche Distanz zur Bühne.

Das Allerwichtigste ist, 15.000 Menschen das Gefühl zu geben, ich habe nur für dich gesungen, du ganz da hinten. Mit einem Blick hinaus, in dem man leicht lächelt, weiß das Publikum, ok, jetzt kann ich applaudieren. Ich weiß nicht, ob es genau so ein Vorgang ist. Aber wenn ich «Deutschland sucht den Superstar» gucke, was ich ganz gerne mache - Bohlen natürlich mit seinen Sprüchen, das ist alles unterhaltsam – fürs Showgeschäft ist diese Sendung jedoch tödlich. Da werden «Superstars» gemacht, die überhaupt keine Erfahrung und Ahnung haben. Und wenn ich die Tipps von der Jury höre, dann könnte ich manchmal in den Fernseher kriechen und die umbringen. Die haben – auch Dieter Bohlen – keine Ahnung, warum jemand Erfolg hat. Ich wäre bei DSDS, und das ist jetzt keine Koketterie, in der ersten oder zweiten Runde rausgeflogen. Ich habe keine Riesenstimme, meine Stimme ist Mittelklasse. Aber meine Lieder interpretiere ich besser als jemand anderes es kann. Eine gute Stimme ist ein klitzekleiner Teil eines Erfolges. Stellen Sie sich mal Grönemeyer bei DSDS vor. Die Leute würden sich kaputtlachen! Stellen Sie sich Mick Jagger da vor oder Udo Lindenberg. Keine Chance hätte die. Denn sie haben Persönlichkeit, und diese Persönlichkeit ist viel wichtiger als die Stimme.

31 Sie sind knapp 50 Jahre im Showgeschäft. Hat das Geschäft von heute noch irgendetwas mit dem von damals zu tun?

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Immer weniger. Diese Castingshows und die schnelllebigen Künstler… Ich habe früher, so in den siebziger Jahren, am Tag bis zu 30.000 Platten verkauft. Heute ist es ein Riesenerfolg, wenn man 2000 verkauft. Die Plattenfirmen haben nur noch ein Zehntel der Mitarbeiter von damals. Diese Industrie stirbt aus. Das wird ersetzt durch Downloads.

32 In den Siebzigern waren Sie im «Disco-Tingelgeschäft» unterwegs. Was muss man sich darunter vorstellen?

Das heißt vier, fünf Mal pro Woche in der Disco stehen und 45 Minuten auftreten. Das ist so ne billige Rundreise, meistens mit Playback: Es ist aber eine harte Schule! Man lernt, dass das Publikum beherrscht werden will. Dabei will die Hälfte der Leute dich gar nicht sehen, die sind laut. Einmal wollten mir 800 Seemänner die Haare abschneiden. Du musst lernen, mit diesem Publikum umzugehen und das jeden Abend auf andere Weise. Das ist ähnlich schwer zu erklären wie Charisma. Man kann es nicht fassen, und ich weiß nicht, ob man es lernen kann. Ich weiß, dass es bei mir anfängt, wenn ich auf die Bühne gehe. Meine Exfrau, meine Lebensgefährtin von heute und meine Söhne, die sagen alle das Gleiche: Das ist ein ganz anderer Mensch da oben, der geht anders, der spricht anders. Das hört sich jetzt blöd an, aber Charisma heißt auch, dass man mit Selbstbewusstsein über die Bühne geht und Respekt bekommt. Manchmal merkt man das auch auf der Straße. Wenn man einen guten Tag hat und lächelnd durch die Straßen geht, dann begrüßen einen die Leute. Das hat etwas mit Charisma zu tun.

33 Muss man an das glauben, was man singt?

Ich glaub doch nicht an «Spuren im Sand»! Man muss es mögen. Bei «Das schöne Mädchen von Seite eins» muss ich sagen, ich kann es nicht mehr singen, denn ich mag es nicht mehr. Wenn, dann müsste ich eine Parodie daraus machen. Aber alle Titel, die ich selbst komponiere, mag ich. Wir haben ganz selten Titel auf den Markt gebracht, wo ich gesagt habe, das bin ich nicht. Also, es kommt immer wieder vor, und es ärgert mich immer wieder, aber es ist relativ selten.

34 Und dann?

Dann muss man mit diesem Titel leben und sagen, hoffentlich werden die schnell vergessen. Die Dinge klingen für mich nicht authentisch, aber eine Langspielplatte ist fertig, muss auf den Markt, die Plattenfirma drängt, und man versucht, irgendwas anderes schnell zu schreiben, gelingt nicht, und dann ist ein Titel von zwölf dabei, wo man sagt, schade, ich war auf einem Weg für mich, das perfekte Album zu machen, und jetzt hängt dieser eine Titel dazwischen. Dieses Gefühl kenne ich bei jeder LP, die ich gemacht habe. Da ist immer etwas dabei, wo ich sage, scheiße, wenn wir noch zwei Wochen Zeit gehabt hätten.

35 Wenn man sich Ihre Diskografie anguckt, könnte man die fast als Psychogramm lesen. Die Albumtitel hintereinander gehängt ergeben eine Entwicklung bis zum «Richtigen Moment».

Das habe ich noch nie gehört! Ich hatte zwei Texter. Der eine war Fred Jay, ein alter, amerikanischer Jude, der sehr gut Deutsch sprach. Er hat in Deutschland gelebt und wunderschöne Texte geschrieben. Es hat mich geärgert, wenn früher manche Funkanstalten einen Text wie «Geh doch» vorgelesen und auseinander genommen haben. Das ist ein Gedicht, und Fred Jay hat da gerade mal eine Stunde für gebraucht! «Wenn du glaubst, du verschwendest dein Leben mit mir/ dann geh doch/ was gestern noch war, das zählt heute nicht mehr bei dir/ dann geh doch.» Das ist eine Aneinanderreihung von wahnsinnig schönen Gedanken. Er ist dann gestorben. Und weil meine Texte überhaupt das Allerwichtigste an meiner Karriere sind, habe ich große Probleme für mich gesehen.

Aber dann kam Joachim Horn, das ist ein Freund von mir, ein ganz verrückter Kerl. Er hat zu mir gesagt, Fred Jay ist weg, jetzt will ich für dich texten. Und ich habe gesagt, das kannst du nicht. Doch seine Texte waren und sind so auf den Punkt für mein Leben, er kennt mich so gut, er hat einfach ein Gefühl dafür, wie ich etwas ausdrücken muss. Ich kann mich zurücklehnen und sagen, der macht das schon. Wenn es Zweifel gibt, ruft er mich an. Ich habe keine Angst, dass ich Texte singen muss, die nicht authentisch sind, mit so einem Typ dahinter. Und deswegen, wenn Sie sagen, da ist eine gewisse fortlaufende Geschichte, kann ich mir das schon vorstellen.

36 Diese Leute, die über die Texte lachen, das hat ja auch mit Ihrem Image zu tun. Glauben Sie, das hängt damit zusammen, dass bei Howie immer alles schön ist?

Der Zuschauer soll viele verschiedene Stimmungen mitmachen.

37 Aber Howie ist ja nicht wirklich schräg.

Es ist verdammt schräg, es muss schräg sein.

38 Im Konzert, aber nicht auf Platte.

Konzert! Platte nein. Auf dem neuen Album singe ich ein Lied über die politische Situation… Jetzt kommen wir zu einem Geheimnis: Man hat ein Gesicht, man ist mit einem Gesicht geboren. Und es gibt Gesichter, die dürfen bestimmte Dinge nicht sagen, weil sie dann unglaubwürdig wirken. Wenn ich runterzählen würde, was in der Politik alles falsch läuft und würde Lösungen anbieten, kein Schwein würde es mir glauben! Dann kommt ein Konstantin Wecker mit seinem eckigen Kopf, und der kann es. Ich kann nur machen, was zu mir passt. Wir versuchen immer, diesen Rahmen ein bisschen auszuweiten, aber ganz vorsichtig. Das sind Dinge, die man akzeptiert. Es ist sehr wichtig, dass ein Künstler sich kennt, dass er weiß, was er kann und was er darf.

39 Trotzdem haben Sie ein «nettes» Image... In wieweit kann man sich sein Image eigentlich aussuchen?

Ich glaube mein Image hat sich hauptsächlich über die Konzerte definiert. Es war auch deshalb ein so langer Weg bis zu diesem Moment in Köln. Es war ein unglaublich bewegender Abend, auch für mich. 40 Jahre lang habe ich gekämpft, weil ich nicht mehr Howie sein wollte, ich wollte dieser Entertainer sein. Und als dieser Entertainer gesagt hat, ich gehe jetzt, da haben viele Leute gemerkt, dass sie einen alten Freund verlieren. Das hat zu diesem Respekt geführt.

Als ich in den Sechzigern nach Deutschland kam, waren die Topstars Peter Alexander und Vicco Torriani. Ich habe mir die Beiden angeguckt und gedacht, das kann doch nicht wahr sein, wie weit Deutschland hinter dem Rest der Welt herhinkt. Das waren wirklich nichts anderes als sympathische Künstler. Nett, die waren sehr nett. Und wie ich bereits sagte: Nett ist der Bruder von scheiße.

Mit Howard Carpendale sprach Sophie Albers.


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